Es klingt beängstigend, doch ein großer Teil der verabreichten Medikamente, werden zum Teil in unveränderter Form wieder ausgeschieden, passieren die Kläranlagen und gelangen zunächst in den Vorfluter, bei Wasserlöslichkeit eben auch in das Grund- und somit in das Trinkwasser. So wurde unter anderem bereits ein Röntgenkontrastmittel im Lebensmittel Nr. 1 nachgewiesen, d.h: Iopamidol. In einer Konzentration von 718 Nanogramm kam es in Essen aus dem Wasserhahn. Der Orientierungswert, d.h. der Wert der bei lebenslangem Konsum keine negativen Folgen für den Menschen hätte, liegt laut dem Bundesgesundheitsamt bei 100 Nanogramm pro Liter. Meist handelt es sich jedoch um verschwindend geringe Potenzen, die im Grundwasser nachzuweisen sind, dennoch ist das Problem nicht zu verkennen, zumal sich die verschiedenen, unterschiedlichen Stoffe zu einem regelrechten „Cocktail“ summieren.
Nicht nur das Röntgenkontrastmittel wurde im Wasser nachgewiesen, sondern unter anderem auch Analgetika, Östrogene, Antirheumatika, wie Ibuprofen und Diclofenac, Betablocker, Cholesterinsenker und Antidepressiva. Die Liste ist aller Voraussicht nach noch länger, doch von den rund 3000 Substanzen sind nur ca. 180 Arzneiinhaltsstoffe bis dato nachweisbar, ganz abgesehen von den diversen chemischen Verbindungen die die Substanzen eingehen können. Bereits in den 90er Jahren gelang es Berliner Forschern 16 entsprechende chemische Verbindungen im Trinkwasser nachzuweisen, gar 100 im Abwasser. Laut dem Bundesumweltamt sind die Konzentrationen zwar derzeit so gering, dass gesundheitliche Schäden so gut wie ausgeschlossen werden können, allerdings stimmen einige Folgen, die in den Oberflächengewässern aufgetreten sind, nachdenklich. So sind bei Forellen bereits Nierenschäden durch das in dem Schmerzmittel Voltaren enthaltene Diclofenac aufgetreten. Eine Studie der Bochumer Ruhr-Universität sieht sogar einen Zusammenhang zwischen der seit Jahren sinkenden Spermienzahl bei Männern und einer steigenden Rate an Hodenkrebs-Erkrankungen und Genitalfehlbildungen und den in Trinkwasser und Lebensmitteln enthaltenen Östrogenen. Auch die immer früher einsetzende Pubertät bei Kindern wird von einigen Wissenschaftlern mit den Rückständen der Antibabypillen in Verbindung gebracht. Das Grippemittel Tiramiflu wurde in Fließgewässern in so hoher Konzentration nachgewiesen, dass sich die Grippeviren in den Vögeln nicht mehr vermehren könnten, würden diese von dem Wasser trinken. Die Gefahr besteht jedoch darin, dass einige der Erreger überleben und Resistenzen gegen das Mittel entwickeln könnten.
Umweltresistenz
Damit
die Medikamente ihre Wirksamkeit erst im Darm entfalten und nicht bereits von
der Magensäure zersetzt werden, werden sie so entwickelt, dass sie lange in der
Umwelt bestehen können. Oftmals sind die Inhaltsstoffe derartig geschützt, dass
nur ein Bruchteil sein Ziel im menschlichen Organismus erreicht und der Rest
wieder ausgeschieden wird. Welche Auswirkungen sie im Anschluß auf die Umwelt
haben spielt bei den Forschungen der Pharmaindustrie bis heute kaum eine Rolle,
sie werden daher auch so gut wie nicht erforscht, ebenso wenig wie die
Abbauprodukte. Auch wenn jeder einzelne Stoff nur in einer geringen Potenz in
das Wasser gelangt, so stellt sich doch zwangsläufig die Frage, welche Auswirkung
eine Summierung aller Substanzen hat, nachdem ein regelrechter Cocktail
entstanden ist. Doch es gibt andere
Möglichkeiten, wobei Schweden eine Art Vorreiterrolle einnimmt. Dort wurde von
dem Stockholm County Council in Zusammenarbeit mit dem schwedischen Verband der
Pharmazeutischen Industrie und der staatseigenen Apothekenkette ein
Punktesystem für die Umweltverträglichkeit von Arzneimitteln entwickelt, das
die Lebensdauer der Wirkstoffe, die Anreicherung in Lebewesen und die
Giftigkeit der Medikamente für die Umwelt bewertet. Eine erste unvollständige
Liste wurde bereits im Internet veröffentlicht. Den Menschen sollen keine
wirksamen Arzneien vorenthalten werden, sondern es soll gleichwirksamen Stoffen
mit der größeren Umweltverträglichkeit der Vorrang gegeben werden. Ziel
derartiger Projekte ist sicherlich auch die Sensibilisierung der
Pharmahersteller Medikamente mit geringeren Auswirkungen auf die Umwelt zu
entwickeln. Auch in Deutschland ist man nicht untätig geblieben und hat ein
Forschungsprojekt zur Entwicklung von Strategien zum Umgang mit
Arzneimittelstoffen im Trinkwasser gestartet, welches wiederum vom
Bundesforschungsministerium gefördert wird. Erste Erfolge wie zum Beispiel die
Entwicklung des Krebsmittels Glufosfamid, das aus einem herkömmlichen entwickelt
wurde weist durch die Veränderung des ursprünglichen Wirkstoffs vom Darm besser
resorbiert wird und auch biologisch besser abbaubar ist.
Vorbeugung statt Folgenbeseitigung
Thomas Ternes von der Bundesanstalt für Gewässerkunde
in Koblenz hat vor einigen Jahren ein internationales Projekt namens Poseidon
ins Leben gerufen. Wissenschaftler aus neun europäischen Ländern und den USA befassten sich in diesem Rahmen
mit effektiven Methoden der Abwasserreinigung. Ende 2006 wurden die Ergebnisse
veröffentlicht. Einige Dutzend Medikamente konnten bis dato bereits im
Trinkwasser nachgewiesen werden. Zwar muß keiner einige der in den
Beipackzetteln unter der Rubrik „Nebenwirkungen“ aufgelisteten Folgen
befürchten, da es sich um ganz geringe Konzentrationen handelt, doch
trotzalledem ist die Konzentration von Medikamenten in einigen Gewässern
bereits so hoch wie die der Pestizide. Ein Teil der ausgeschiedenen
Arzneimittel wird zwar bereits jetzt schon durch die Kläranlage herausgefiltert,
doch noch lange nicht alle. Somit ergibt sich hier bereits ein Ansatzpunkt zur
Vorbeugung, doch herkömmliche Methoden sind nicht dazu geeignet, die
pharmazeutischen Stoffe aus dem Abwasser zu filtern. Zum Beispiel synthetische
Hormone wie das in der Anti-Baby-Pille enthaltene Estradiol gelangen auf diese
Weise ungehindert in die Flüsse. Neue Techniken sind zwar in der Testphase,
Gas- und Flüssigchromatographie gekoppelt mit der Massenspektrometic können
laut der Angaben von Fachleuten bereits kleinste Mengen von Chemikalien
aufspüren, doch die Kosten für die Verfahren sind sehr hoch. Als wirksam haben
sich unter anderem Ozon, Aktivkohle sowie die teure Nanotechnologie erwiesen.
Eine weitere denkbare Variante wäre auch, dass gerade an den Orten, an denen
besonders viele Medikamente zum Einsatz kommen, wie zum Beispiel in
Krankenhäusern und Altenheimen das Abwasser aus den Toiletten in einem
getrennten Abwassersystem zu entsorgen, sie noch vor Erreichen der Kläranlage
zu reinigen. Ein weiteres Problem besteht darin, dass viele Menschen ihre alten
Medikamente nicht in der Apotheke abgeben sondern einfach über die Toilette
entsorgen. Nicht unproblematisch ist ebenfalls die Düngung mit Klärschlamm,
denn auf diese Weise gelangen wiederum Arzneimittelrückstände auf die Felder,
werden bei Niederschlägen in das Grundwasser eingespült.