Medikamentenrückstände

Pharmazeutischer Cocktail im Trinkwasser

Medikamentenrückstände PillenglasAllein zwischen 2002 und 2012 stieg der Verbrauch von Arzneimittel-Wirkstoffen hierzulande um über 30 Prozent – von 6.200 auf 8.120 Tonnen. Und immer häufiger lassen sich – sowohl in Ober­flächen­gewäs­sern als auch im Grund- und Trinkwasser – Rückstände von Arznei­mitteln nachweisen. Laut Umwelt­bundes­amt (UBA) wurden bis 2011 in Summe 23 Wirk­stoffe im Trink­wasser sowie 55 verschiedene Spuren von Arznei­mitteln im Grundwasser entdeckt. Die iden­ti­fi­zier­ten Wirkstoffe in Flüssen und Seen lagen sogar im dreistelligen Bereich. Allerdings konnte nur gefunden werden, wonach auch gesucht wurde. Immer neue Wirkstoffe verursachen in diesem Fall immer neue Probleme.

Im Grundwasser waren es vor allem Überreste von Blutfettsenkern, Schmerzmitteln und Antirheumatika, wie Diclophenac oder Ibuprofen, sowie Analgetika oder Diabetesmittel zu finden, aber auch Röntgen­kontrast­mittel. In jeweils winzigen Spuren – aber insgesamt gesehen zunehmend in einem durchaus brisanten Cocktail, dessen Langzeit­wirkung keiner kennt. Und der demo­grafische Wandel wird die Situation noch verschärfen. Je älter wir werden, desto mehr Medikamente nehmen wir ein.

Wie die Medikamentenreste in unseren Wasserkreislauf gelangen

Medikamentenrückstände PillenstromDa viele Medikamente so konzipiert sind, dass sie ihre Wirkung erst im Darm entfalten und nicht schon von der Magensäure zersetzt werden, sind die Inhalts­stoffe derart geschützt, dass ein großer Teil nie im menschlichen Körper zum Einsatz kommt und einfach ausgeschieden wird. Vom Abwasser in der Toilette gelangen sie dann in die Kläranlage, die nicht so ausgelegt sind, dass sie die ständig neuen pharma­zeu­tischen Stoffe herausfiltern können. Von dort gelangen sie über den normalen Wasserkreislauf zuerst ins Grundwasser und dann ins Trinkwasser.

Hinzu kommt, dass immer noch viele Verbraucher abgelaufene Arzneimittel über die Toilette entsorgen, da ihnen oft nicht bewusst ist, dass die Mehrzahl der Kläranlagen diese Stoffe nicht erfassen können. Hier sei daran erinnert, dass der Gesetzgeber 2009 eine Rücknahmepflicht von unbenutzten Arzneimitteln für Apotheken eingeführt hat, um diese Quelle der Trinkwasserverschmutzung zu reduzieren.

Die TU Berlin fand heraus, dass rund 80 Prozent der Medikamentenrückstände über das Abwasser von Privathaushalten in den Wasserkreislauf gelangen. Der Rest kommt von Unternehmen, die im pharmazeutischen Bereich aktiv sind – wie beispielsweise Kranken­häuser, Chemie- und Pharmaindustrie oder Apotheken etc. Besonders wirkungsintensiv sind auch Hormon-Einträge ins Wasser. Ein Sonderfall sind Antibiotika-resistente Keime – hier stehen Krankenhaus­abwässer als Hauptverursacher der Verschmutzung in Verdacht. Sie sind überdies auch gegenwärtig bereits lebensgefährlich.

Medikamentenrückstände und die Folgen

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2012 gingen über eine Milliarde Packungen über die Ladentheken in deutschen Apotheken.
Bereits in den 1990er Jahren gelang es Berliner Forschern 16 entsprechende chemische Verbindungen im Trinkwasser nachzuweisen, im ungeklärten Abwasser waren es sogar 100. Laut dem Bundesumweltamt sind die Konzentrationen zwar derzeit so gering, dass gesundheitliche Schäden so gut wie ausgeschlossen werden können, allerdings stimmen einige mögliche und bereits nachgewiesene Folgen doch sehr nachdenklich:

  • So wurden bei Forellen bereits Nierenschäden durch den in diversen Schmerzmitteln enthaltenen Stoff Diclofenac festgestellt.
  • Aufgrund synthetischer Hormone im Wasser wurde eine Verweiblichung von Fischpopulationen festgestellt, ebenso wie bei Fröschen.
  • Eine Studie der Bochumer Ruhr-Universität sieht sogar einen Zusammenhang zwischen der seit Jahren sinkenden Spermienzahl bei Männern sowie einer steigenden Rate an Hodenkrebs-Erkrankungen und Genitalfehlbildungen und den in Trinkwasser und Lebensmitteln enthaltenen Östrogenen.
  • Auch die immer früher einsetzende Pubertät bei Kindern wird von einigen Wissenschaftlern mit Rückständen der Antibabypille im Trinkwasser in Verbindung gebracht.
  • Bereits 2006 testeten Forscher aus Italien gering-dosierte Medikamenten-Cocktails und stellten eine negative Wirkung auf die Zellproduktion fest.
  • Und das Grippemittel Tiramiflu wurde in Fließgewässern in so hoher Konzentration nachgewiesen, dass sich die Grippeviren in den Vögeln nicht mehr vermehren könnten, würden diese von dem Wasser trinken. Die Gefahr besteht jedoch, dass einige der Erreger überleben und Resistenzen gegen das Mittel entwickeln.

Langzeitfolgen – noch unklar

Medikamentenrückstände PillenAuch wenn die Medikamentenspuren im Trinkwasser derzeit für den Menschen noch weitgehend als unbe­denk­lich eingestuft werden, warnen Experten vor den unerforschten Langzeitfolgen sowie vor unbe­rechen­baren Wirkstoff­kombinationen des wachsenden Pharmazie-Cocktails. Auch über indirekte Wirkungen, wie allergische Reaktionen oder hormonelle Veränderungen ist noch wenig bekannt. Betroffen sind in erster Linie Menschen mit einem geschwächten Immunsystem, wie Babys, Kleinkinder, werdende Mütter oder ältere und kranke Menschen.

Zum anderen haben wir in der Vergangenheit schon oft die Erfahrung gemacht, dass Stoffe, die lange als unbedenklich galten – wie Contergan oder DDT etc. – später aufgrund neuerer Erkenntnisse als schwer gesundheitsschädigend verboten wurden.

Mögliche Lösungswege und Vorsorgemaßnahmen

Da immer mehr Arzneimittelwirkstoffe in Flüssen und Seen sowie auch im Grund- und Trink­wasser ausgemacht werden, wurden in den vergangenen Jahren bereits verschiedenste Forschungs­projekte initiiert. Dabei haben Arzneimittel aus Sicht der Wasser­versorgungs­unternehmen einige äußerst ungünstige Eigenschaften, z.B. sind sie biologisch nicht abbaubar, sind hochwirksam und bestens wasserlöslich.

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Verbrauchertipp

Was jeder einzelne – nach dem Vorsorgeprinzip – aktiv zum Schutz des Trinkwassers beitragen:

  • Abgelaufene oder nicht gebrauchte Arzneimittel in der Apotheke abgeben oder im Restmüll entsorgen
  • Wo Möglich den Arzneimittelkonsum einschränken
  • Keine Medikamente horten
  • Immer die kleinstnötige Menge verlangen
  • Bei harmlosen Krankheiten überlegen, ob es auch andere Mittel gibt, als Medikamente der Pharmaindustrie

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