Wasserkriege und Konflikte

Zu beginn des 21. Jahrhunderts steht die Erde mit ihren vielfältigen und reichen lebensformen einschließlich mehr als sechs Milliarden Menschen vor einer ernsthaften Wasserkrise.” UNESCO 2003

Die Kriege der Zukunft werden ums Wasser geführt werden

Schon in der Mitte der 1980er Jahre prognostizierte der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Boutros Boutros-Ghali, dass die Kriege in Zukunft nicht mehr um Öl, sondern um Wasser geführt werden, denn ohne Wasser können wir nur wenige Tage überleben.

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Zum einen nimmt die Bevölkerung beständig zu und damit der Bedarf an landwirtschaftlichen Flächen, die häufig nur durch intensive Bewässerung genügend Erträge abwerfen, zum anderen verringert sich die Menge an nutzbarem Süßwasser in vielen Ländern dramatisch – sei es durch Umweltverschmutzung, sei es infolge des Klimawandels oder aufgrund von Verschwendung und Übernutzung der zur Verfügung stehenden Ressourcen – ob nun aus Unwissenheit, Gedankenlosigkeit oder Profitgier. Es handelt sich also nicht um eine globale Ressourcenkanppheit insgesamt, sondern um eine ungleiche Verteilung und einen nicht nachhaltigen Umgang.

e4-2-1-xart-10347824_xxlDoch Wassermangel kann schnell zu Hunger­kata­strophen führen, denn Land- und Vieh­wirt­schaft sind vom Wasser abhängig und ohne funktionierende Trinkwasserversorgung kann keine Volkswirtschaft funktionieren – die Menschen verarmen. Daher prognostizieren Fachleute für die Zukunft, dass es zu Kriegen und kriegerischen Auseinandersetzungen um den Zugang zu sauberem Trinkwasser kommen wird. So sterben bereits heute, laut Wasserbericht der UNESCO von 2006 täglich fast 4.000 Kinder aufgrund der Folgeneines fehlenden Zugangs zu sauberem Trinkwasser. Rund 1,1 Millarden Menschen haben heute keinen Zugang zu saube­rem Trinkwasser. Es sterben insgesamt mehr Menschen aufgrund dieses Wasser­mangels als in bewaffneten Konflikten.

e4-2-1-xart-25018285_xxlErste lokale Konflikte und politische Aus­einander­setzungen innerhalb und zwischen einzelnen Staaten aufgrund von Wassermangel gibt es in einigen Regionen bereits heute. Untersuchungen haben gezeigt, dass Wasserknappheit besonders in jenen Regionen zum Auslöser für Konflikte wird, wo bereits seit längerem Spannungen und zwischenstaatliche Rivalitäten existieren – sei es nun aus politischen, ethnischen oder religiösen Gründen.

Überlebensnotwendiges Gemeingut wird zum Profitobjekt

Fest steht, der Wasserbedarf steigt in vielen Regionen der Erde, gleichzeitig wird die Ressource knapper und vielerorts – gerade in ärmeren Regionen – ist Wasser zum begehrlichen Wirtschaftsgut geworden. Es sind internationale Konzerne, wie Nestlé, die bereits heute überall auf der Welt Trinkwasserquellen aufkaufen und das Wasser, das 2010 von der UN als “Menschenrecht” verankert wurde, wird zum Profitobjekt, an dem sich einige bereichern, während andere es sich nicht mehr leisten können. Während die Grund­wasser­spiegel vielerorts sinken, steigt die Zahl derer, die keinen Zugang zu ausreichend frischem Wasser haben. Da sind weitere Konflikte einfach vorprogrammiert – vor allem in den trocknen Regionen der Erde. Hier sind es vor allem Oberflächengewässer, wie große Flüsse, die zuständig sind für die Wasserversorgung der Menschen und der Landwirtschaft.

e4-2-1-xart-34869202_xxlDoch Flüsse kennen keine Grenzen. Sie sind die Lebens­ader vieler verschiedener Nationen gleich­zeitig. Laut UNO gibt es 263 sogenannte inter­natio­nale, d.h. grenz­über­grei­fende Wasser­vorkommen, seien es Flüsse, Seen oder unter­irdische Grund­wasser­reser­voirs, bei denen die Nutzungs­rechte nicht geklärt sind. Und dabei handelt es sich immerhin um rund 60 Prozent der frei zugäng­lichen Süß­wasser­reserven auf dem blauen Planeten.

Aktuelle Konflikte rund ums Wasser – Beispiele und Hintergründe

Der Jordan • Konflikt zwischen Israel und seinen Nachbarn

e3-10-1-1-religion-1000x288Der Nahe Osten ist eine der regenärmsten Regionen auf der Erde. Der Jordan – nur rund 250 km lang – ist hier für die Wasserversorgung von Israel, Syrien, Jordanien und die Palästinensergebiete von zentraler Bedeutung. Die Zahl der Menschen, die vom Jordan­wasser abhängig sind, übersteigt die Kapazität dieses relativ kleinen Flusses und durch die gemeinsame Nutzung des Jordan­wassers bekommt der Konflikt Israels mit seinen Nachbarn eine zusätzliche Dimension. Hier einige Eckdaten:

In den von Israel 1967 im sogenannten Sechs-Tage-Krieg besetzten Gebiete – die Golanhöhen in Syrien und das Westjordanland – befinden sich auch die drei Hauptquellen und die wichtigsten Zuflüsse des Jordans. Israel, das durch seine exportorientierte Landwirtschaft einen enormen Wasserbedarf hat, leitet seither rund 90 Prozent des Jordan­wassers ins eigene Land. Die übrigen Anrainer müssen sich mit dem Rest zufrieden geben.

e4-2-1-xart-30743311_xxlIsrael und Jordanien:
Das Land benötigt vor allem Wasser aus dem See Genezareth, durch den der Jordan fließt. Der See hat die Beson­der­heit, dass nur seine oberen Schichten aus Süßwasser bestehen. Seit 1994 besteht ein Friedensvertrag zwischen den beiden Ländern, der theoretisch auch die Wasser­entnahme regelt. Allerdings gibt es in der Praxis ein Problem: Während Israel mit leistungsfähigen Pumpen Süßwasser aus den oberen Süßwassasserschichten pumpt, bleibt Jordanien nur das Wasser aus den unteren, salzhaltigen Schichten, das erst durch teure Ent­sal­zungs­anlagen nutzbar wird.

Israel und die Palästinensergebiete:
Mit der Besetzung des West­jordan­lan­des kontrolliert Israel seither auch die Grund­wasser­vorkommen in der Region. Beispielsweise dürfen palä­sti­nen­sische Bauern keine neuen Brunnen bohren und ihre Wasser­ent­nahme ist durch Quoten geregelt. Israelische Siedler hingegen bohrten in der Nähe der alten, natürlichen Brunnen der Palästinenser neue, tiefere Brunnen, so dass viele der alten palä­sti­nen­sischen Brunnen versiegten. Erschwerend kommt für die Palästinenser hinzu, dass Felder, die zwei Jahre nicht bewässert werden, automatisch an den israelischen Staat fallen. Das Ergebnis: Während palä­sti­nen­sische Bauern praktisch auf dem Trocknen saßen, wuchs die israelische Landwirtschaft.

Kenner der Region vermuten, dass die rigorose Ablehnung eines eigenen Palästinenserstaates durch die israelische Regierung auch mit den unzureichenden Wasserressourcen zu tun hat. Israel hätte massive wirtschaftliche Nachteile, wenn es die Palästinenser gleichberechtigt nach Brunnen bohren ließ.

Der Nil • Ägypten gibt den Ton an

e4-2-1-xart-34887333_xxlMit seinen knapp 6.700 km ist der Nil der längste Fluß der Erde. Er durchfließt insgesamt zehn Länder. Während die zentralafrikanischen Länder am Oberlauf das Nilwasser bisher weniger nutzten, ist der Fluß besonders für Ägypten, das an seinem Unterlauf liegt, eindeutig die Hauptqasserquelle. Das Land beziegt über 90 Prozent seines Wassers vom Nil und könnte ohne dieses nicht existieren. Das ganze Leben konzentriert sich hier rund um die fruchtbaren Ufer des Nils.

Bereits 1929 – sieben jahre nach der Unabhängigkeitserklärung – schloss Ägypten mit den Briten, damasls noch Kolonialmacht in der Region, einen Vertrag, der besagte, dass den beiden Ländern Ägypten und Sudan 97 Prozent des Nilwassers zugesprochen wurden und Ägypten ein Veto-Recht eingeräumt bekam, wenn andere Anrainer des Flusses, ebenfalls das Nilwasser für sich und die Entwicklung ihres Landes nutzen wollten.

1959 – nachdem der Sudan ebenfalls die Unabhängigkeit erlangt hatte – einigten beide Länder bilateral auf eine gerechte Nutzung. Viele Jahre reichten diese Verträge zur friedlichen Nutzung aus. Das änderte sich 1980, als Äthiopien den Plan bekannt gab, am Blauen Nil auf seinem Land einen Staudamm bauen zu wollen. Der damalige ägyptische Präsident Anwar El-Sadat wertete dies als eine Art Kriegserklörung. 1999 wurde eine regelmäßiger Dialog der Nilanrainer ins Leben gerufen, um Streitigkeiten rund um die Wassernutzung des Nilds zu diskutieren. Noch 2013 drohte Ägypten Äthiopien mit Krieg, sollte das Land den Blauen Nil tatsächlich aufstauen. Der Konflikt konnte erst im Frühjahr 2015 – nach zweijähriger “hydro-diplomatischer Intervention” des Sudans – beigelegt werden.

Euphrat und Tigris • Türkei und die Interessen in der Region

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Das Zweistromland zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei ist seit Jahrtausenden eine Wiege der menschlicher Zivilisation. Hier wurden in der Vergangenheit beispielsweise die Sesshaftigkeit und die Landwirtschaft “erfunden”. Bis heute ist die Bedeutung der Flüsse für die Region gleich geblieben. °Nur müssen hier mittlerweile sehr viel mehr Menschen mit Wasser versorgt werden. Erschwert wird die Situation dadurch, dass die drei Länder absolut nicht an “einem Strang ziehen”. Jedes Land plant und realisiert seine eigenen Großprojekte und bringt jeweils die beiden anderen gegen sich auf. In den 1970er jahren konnte nur die Intervention der Arabischen Liga und der Sowjetunion eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Syrien und dem Irak aufgrund von Staudam-Großprojekten verhindern.

Den größten Einfluss auf die Wasserversorgung der Region zwischen Euphrat und Tigris hat allerdings die Türkei, da das Land am Oberlauf der beiden Flüsse liegt und so praktisch bestimmen kann, wieviel Wasser für Syrien und den Irak übrigbleiben. Auch wenn die gigantischen Großprojekte – Staudämme, Elektrizitätswerle und Bewässerungsanlagen – aus Kostengründen erst einmal auf Eis liegen, schwelt der Konflikt weiter. Während sich die Türkei dabei um die Unterstützung der NATO bemüht, versuchen die beiden anderen Länder die Arabische Liga hinter sich zu scharen. Beide Organisationen setzen jedoch vernünftigerweise auf eine Lösung zwischen den betroffenen Staaten und wollen in den Wasserkonflikt nicht hineingezogen werden.

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Der Indus • Schwierige Einigung zwischen Indien und Pakistan

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Der Indus ist der längste Fluss, der den indischen Subkontinent durchfließt. Von seinem Wasser ist ein mehr als 100.000 km2 großes Areal abhängig. Seine Anrainerstaaten sind Indien, Pakistan und China. Wobei der größte Teil des Flusssystems in Pakistan liegt, aber aus Indien kommen wichtige Zuflüsse.

DBereits zur Kolonialzeit der Briten gab es im Indusbecken Verteilungskonflikte, die mit der Unabhängigkeit Indiens und der Teilung in Indien und Pakistan zu einem Länderkonflikt wurde. Beide neu entstandenen Staaten konnten sich über Verwaltung und Verteilung des Induswassers keine Einigung erzielen.

e4-2-1-indus1-33894023_DIndien, auf dessen Gebiet nach der Teilung die Quellflüsse lagen, hatte andere Ziele als Pakistan. Dies wurde besonders deutlich, als Indien 1948 reduzierten bzw. sogar ganz abstellten. Damit gerieten die Pakistani, die das Induswasser seit vielen Jahrhunderten für die Landwirtschaft nutzten, in erhebliche Schwierigkeiten und sahen sich von Indien massiv in ihrer Existenz bedroht. Anfang der 1950er Jahre waren die Verhandlungen über die Wassernutzung total festgefahren und ein sich anbahnender Konflikt über Kaschmir verschärfte die politischen Gegensätze.

Auf Drängen der Weltbank nahmen beide Parteien 1954 die Verhandlungen wieder auf und unterzeichneten sechs Jahre später einen Vertrag, der die Wassernutzung und -rechte regelte und als einziger Vertrag zwischen Indien und Pakistan bis in die Gegenwart hält. Trotz mehrerer Kriege und Konflikte gab es kontinuierlich gegenseitige Besuche, Inspektionen und Daten wurden ausgetauscht. Wenn es Konflikte gab, wurden konnten diese immer politisch gelöst werden. Ein umstrittenes Projekt der Gegenwart ist beispielsweise das Kishanganga Hydroenergieprojekt der Inder, das sie theoretisch in die Lage versetzt, Teile Pakistans zu fluten oder das Wasser zu verknappen.

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